Grüne Erde_Ausstieg aus Social Media

38 % der deutschen Unternehmen haben im Jahr 2014 Social Media genutzt. Fast 60 % davon sind laut BITKOM erst seit maximal zwei Jahren dabei – eine rapide Zunahme also. Mehr Bekanntheit, stärkere Kundenbindung und besseres Image sind die meistgenannten Motive. Was also bewegt ein erfolgreiches Unternehmen, nicht nur seine Accounts bei Facebook, Google+ und Twitter stillzulegen, sondern auch noch  Google Analytics und Remarketing-Tools abzuschwören?

Daumen hoch von den Followern: „und deswegen kaufe ich hier ein“

Die Grüne Erde steht mit 400 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 38 Mio. Euro (Wachstum: zuletzt 14 %) an der Grenze vom mittleren zum Großunternehmen. Zur Entscheidung, sämtliche Social Media zu verlassen, sagt Geschäftsführer Reinhard Kepplinger:

„Wir verzichten bewusst auf nützliche Werkzeuge der digitalen Welt, um den effektiven Schutz der Kundendaten zu gewährleisten. Damit reagieren wir auf das wachsende Unbehagen vieler Menschen gegenüber der maßlosen Datengier von Konzernen, staatlichen Behörden und kriminellen Organisationen. Wir wollen mit unseren Kundinnen und Kunden über Kanäle kommunizieren, bei denen niemand mithört.“

Einen Effekt hatte diese medial offensiv verbreitete Nachricht sofort: Der Blog der Grünen Erde wurde von ganz überwiegend hymnischen Kommentaren geflutet. Der Nerv der Zielgruppe war offensichtlich getroffen.

Also nur noch Old-School-Marketing? Einerseits ja, aber dennoch auch über digitale Kanäle. Neben Katalogen und Direct Marketing per Post setzt das Unternehmen auf seinen großen Webshop, wöchentliche Newsletter und umfangreichen Telefonservice – abgesehen von den 14 Shops in Österreich und Deutschland. Die digitalen Kundendaten hat das Unternehmen jetzt mit außergewöhnlichen Maßnahmen gesichert.

Keine Daten an Dritte: Individualsoftware auf Homepage und im Webshop

Fertiglösungen für Webshops können – oft für Kunden nicht transparent – umfangreiche Datenmengen aus dem unmittelbaren Kommunikationskanal zwischen User und Unternehmen absaugen. Hinzu kommt die Analyse des Traffics, die ebenfalls dem Website-Besucher auf der Spur ist. Diesen gesamten Bereich hat die Grüne Erde nun schon fast komplett verriegelt:

  • Der im Herbst 2014 neu programmierte Webshop selbst läuft über eine Java-basierte Individualsoftware.
  • Remarketing, das dem User Produkte, die er ganz woanders einmal gesucht oder bestellt hat, auf Banner zaubert, ist tabu. „Eine Grüne-Erde-Matratze wird keinem unserer Kunden anderswo im Internet nachschleichen“, versichert Kepplinger.
  • Google Analytics, das Tool, das die Besuche auf einer Website und vieles mehr misst, macht das Kaufverhalten des einzelnen Nutzers nachvollziehbar. Die Grüne Erde verwendet nun ein Instrument, das nur auf den eigenen Rechnern läuft und keinerlei Daten etwa an amerikanische Google-Server schickt.
  • Tracking Pixel oder Zählpixel schicken ebenfalls Informationen über das Verhalten der Nutzer an Dritte – beliebt etwa beim Affiliate Marketing auf Plattformen, bei denen Händler ihrem Vertriebspartner Provisionen gewähren. Auch auf dieses Verfahren sowie auf Fingerprints, die sogar bei deaktivierten Cookies Geräte über die CPU-Struktur eindeutig identifizieren, verzichtet die Grüne Erde.
  • Nur im Webshop selbst sind zwei Arten von Cookies unumgänglich: ein Footprint zur Speicherung des Warenkorbs und JSessionID, das die Übernahme der Sitzung durch einen anderen Seitenbesucher verhindert. Beide Cookies sind als von der Grünen Erde stammend identifizierbar (was auch nicht selbstverständlich ist).

Bewusster Verzicht gehört zur Unternehmensphilosophie

„Nicht der Weisheit letzter Schluss“ nennt Kepplinger die Datenschutzentscheidungen des Unternehmens – aber angesichts der Aushöhlung bürgerlicher Freiheiten durch missbräuchliche Verwendung von Daten ein Schritt in die richtige Richtung. Und er stellt einen Zusammenhang zu den Anfängen der Grünen Erde vor 30 Jahren her: Es sei „eine konsequente Fortsetzung der Überzeugung aus der Gründerzeit, dass eine andere Form des Wirtschaftens möglich ist“.

Dabei räumt er ein, dass als Nebeneffekt das wahrgenommene Profil des Unternehmens gestärkt und die Grüne Erde unverwechselbarer wird, aber: „Mit Marketing hat die Entscheidung wenig zu tun gehabt.“ In Social Media hat man hier nach eigenen Angaben – trotz Tausender Follower – wenig personelle und finanzielle Ressourcen investiert. Erhebliche Verschiebungen des Marketing-Inputs werden daher nicht erwartet.

Einen weiteren, technischen Nebeneffekt steuert Michael Habeck bei, der die neuen Softwarelösungen für die Grüne Erde implementiert hat: „Mit unserer Eigenentwicklung können wir die Applikation mit nur zwei Prozessorkernen betreiben. Das alte System pfiff sogar auf zwölf Kernen regelmäßig aus dem letzten Loch, obwohl es eines der besten am Markt war. Wenn man bedenkt, wie viele Kraftwerke man abschalten könnte, wenn mehr Anbieter so denken …“

 

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