Online-Apotheken

„Preisvorteil bis -60 %. Sichere Bezahlung, Lieferung in 24h“ – so und ähnlich werben Versandapotheken für ihre Internet-Shops. – Was will man mehr? Medikament ist Medikament, oder? Der Online-Handel vor allem mit rezeptfreien (aber apothekenpflichtigen) Arzneimitteln boomt seit der Freigabe im Jahr 2004, und nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken geht das auch so weiter. Gewohnheitstiere unter den Online-Shoppern müssen nicht einmal mehr neue Portale erkunden. Denn die Kopfschmerztablette und den Hustensaft gibt es sogar über Amazon.

Schlacht um Preise und Marktanteile

Bis 2004 war das Apothekengeschäft in Deutschland relativ geruhsam: Eine Preisbindung existierte auch für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel und der Handel mit apothekenpflichtigen Mitteln war außerhalb der Apotheken sowieso verboten; in Österreich besteht sogar heute noch ein gewisser Gebietsschutz für Apotheken. Die Qualität des Angebots war (und ist bis jetzt) dadurch gesichert, dass überhaupt nur ein staatlich geprüfter Apotheker eine Apotheke führen darf.

Diese Gemütlichkeit fand mit der gleichzeitigen Aufhebung des Versandverbots und der Preisbindung (außer für verschreibungspflichtige Mittel) ein rasches Ende. Für das Versandgeschäft sinken bei den Apotheken die Kosten für Lager, Räume und Personal; höhere Umsätze schlagen sich zusätzlich im günstigeren Preisniveau nieder.

Das breite und billig erscheinende Angebot im Online-Shop verführt Kunden außerdem zu Spontankäufen, nicht zuletzt auch, weil die Käufer die Preisschwelle zum kostenlosen Versand überschreiten möchten. Apotheken ohne Versandangebot geraten dadurch in Bedrängnis; ohnehin sinken ihre Spannen, und durch verstärkten Einsatz von Generika tun sie das auf tieferem Preisniveau. Erstaunlich: In einem schon zehn Jahre bestehenden Markt wurde etwa 2014 vom IWW gemunkelt, der Apothekenversandhandel könnte am Ende sein.

Davon ist aber – wenn man von einigen Opfern der Marktkonzentration absieht – wenig zu spüren. Dass seit 2011 die Zahl der örtlichen Apotheken konstant leicht sinkt, ist laut dem Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf vielfältige Gründe zurückzuführen. Dass der Versandhandel mit dazu zählt, liegt aber auf der Hand.

Qualität ist die große Herausforderung für Online-Apotheken

Lässt man einmal das Segment unseriöser ausländischer Medikamentenanbieter außer Acht – dort geht es um das Thema Fälschungen, nicht zugelassene Mittel, abgelaufene Ware etc. –, so gibt es in Sachen Qualität einen wichtigen Vorteil der guten alten Apotheke vor Ort: die individuelle Beratung. Wichtig ist sie vor allem bei den zahlreichen nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten. Denn bei Vorlage eines ärztlichen Rezepts ist zumindest noch vorauszusetzen, dass eine begründete Indikation inklusive Dosierung vorliegt – anders als bei einer Selbstmedikation. Frei käufliche Mittel sind aber mitnichten risikofrei.

Der Bonner Pharmakologe Harald Schweim hat das Beratungsmanko der Versandapotheken untersucht und war von den Daten erschüttert. Er ortet ungeeignete Wirkstoffkombinationen, Käufe in Mengen, die weit über den therapeutisch sinnvollen Bedarf hinausgehen, und ähnliche Sicherheitslücken, die nur durch den Ausschluss riskanter Präparate vom Versand geschlossen werden können – wie bei der „Pille danach“ bereits geschehen.

Die großen Versandapotheken stellen diesen Vorwürfen ihre angeblich strengen Kontrollregeln entgegen. Allen Beteiligten ist jedoch klar, dass Medikamentenmissbrauch – aus welchen Motiven auch immer – nicht einmal beim persönlichen Verkauf zu verhindern ist, im Online-Handel natürlich noch weniger.

Vergleichstests mit durchwachsenen Ergebnissen

Ungeschoren kommen die Online-Apotheken aber auch bei Verbrauchertests nicht davon. Die Stiftung Warentest fand 2015 nur jeden vierten Versender „gut“, hauptsächlich aufgrund mangelnder fachlicher Kompetenz; weniger wegen des Services. Kostenmäßig lagen die Medikamente im Internet um bis zu 50 % unter dem Listenpreis, an denen sich die meisten stationären Apotheken orientieren. Neben der Beratung punkten diese klarerweise auch dadurch, dass die meisten Medikamente sofort verfügbar sind.

Bei verschreibungspflichtigen Mitteln kommt noch hinzu: Um hier überhaupt etwas im Versand zu bekommen, muss das Rezept postalisch eingeschickt werden. Die Forderung nach einem E-Rezept seitens der Versandapotheken hatte bisher keinen Erfolg – und ist aus unterschiedlichen Gründen nicht einmal bei den Verbrauchern sonderlich beliebt.

Einen sehr detaillierten neuen Vergleichstest der Online-Anbieter hat netzsieger.de veröffentlicht. Demzufolge haben die Versandapotheken hinsichtlich Beratungsservice zuletzt aufgeholt und bedrängen die klassischen Apotheken deutlicher als bisher. Diese könnten dagegen mit ihrer lokalen und regionalen Kompetenz sowie mit persönlichem Kontakt punkten.

Fazit: Die Entscheidung steht erst noch bevor

Apothekenkunden, die genau wissen, welche Medikamente ihnen wirklich helfen und bei denen die Kosten ein zwingendes Kaufargument sind, werden den klassischen Apotheken wohl auf die Dauer verloren gehen. Ob es dem stationären Arzneimittelhandel gelingt, sich für die übrigen Zielgruppen so attraktiv bzw. unentbehrlich darzustellen, dass diese der Verlockung des billigsten Angebots widerstehen, ist offen. Fest steht nur, dass ohne sie eine Lücke in der Gesundheitsversorgung und -vorsorge klaffen würde.

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